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Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 1. Juni nachts

Euphelia reibt sich verschlafen die Äuglein. Als Conny am frühen Abend mit einem lauten Stöhnen ins Bett fiel, war nicht damit zu rechnen, daß Euphelia noch mitten in der Nacht ein geöffnetes Tintenfaß an die Seite bekommt. Doch Conny ist dafür bekannt, irgendwie immer zu denken. Wahrscheinlich weiß sie gerade gar nicht, wie spät es ist. Selbst, wenn man sich die von ihr gemähten Flächen im Gutspark oder in Eulenhausen anschaut: immer ein bißchen verpeilt. Alle, die kein System oder keinen Plan erkennen lassen, die hat mit hoher Wahrscheinlichkeit Conny gemäht. Das schlagende Argument lautet: Da, wo ich Lust hatte.

Ohja, und ganz viel Lust war heute am Kindertag auf dem Hof zu spüren. Euphelia hatte recht behalten. Es wuselte, lachte, quasselte, fluchte, nieste den Staub an, sprach mit dem Unkraut, schüttelte den Kopf ob der Großvorhaben in den letzten Tagen vor dem Schlüssel. Ingo kniete sich gleich richtig rein.

Obwohl er eigentlich überall hingerufen wurde. Ingo, der Schrank muß von der Wand. Ingo, die Gardinenstange ist zu hoch für mich. Ingo, ganz da oben am Fenster ist noch ein Fleck. Und Ingo klettert auf Leitern, schiebt Schränke, kratzt Wege frei. Er hat seinen Ort, seine zweite Familie hier gefunden, nun schon seit vielen Jahren. Natürlich freut er sich auf das Kochen. Doch erst wird gemeinsam mit allen das Nest bereitet. Ingo kocht gar nicht aus reiner Experimentierlust oder um sich selbst zu krönen, sondern sein wichtigstes Motiv besteht im Freude bereiten. Das Kochen ist Ingos Art, Menschen zu verwöhnen. Dies ist sein Ansporn. Da muß nicht ständig Trend gekocht werden. Ja, er liest im Internet und schaut, was neu „erfunden“ wird. So entwickelt Ingo sich weiter und mit den Wünschen der Gäste. Doch die gute Hausmannskost bleibt die Grundlage. Sie wird zunehmend leichter, sehr viel regionaler. Ingo liebt bunte Zeitschriften. Gut für seine Mädels hier rundherum. Er kann mitreden. Ingo ruht in sich, ist zufrieden mit den Dingen, freut sich auf den Schlüsseltag. Mit Sicherheit wird er wieder das Laufen in der Küche bekommen. Das ist sein Markenzeichen. Wege in der Küche werden im Dauerlauf absolviert. Bis dahin jedoch findet Ihr Ingo überall gleichzeitig hier im Haus. Auf die Frage, welchen Wunsch er hätte, stünde plötzlich eine gute Fee vor ihm, antwortet Ingo: Oh, nicht so spontan. Besser, die meldet sich an.

In der Mittagspause zum Kindertag gab es Milchreis und warmes Brot und ganz viel Gelächter. Ein schöner Auftakt von Gemeinsamkeit. Doch spürbar ist die Aufregung. Der Countdown läuft. Am 14.6. dreht sich der Schlüssel im Schloß. Es fühlt sich an wie ein kompletter Neubeginn. Deshalb muß Euphelia sich nach einem aufregenden Tag erholen. Die Stille in Connys WortReich ist wirklich magisch. Heute besucht sie „Das singende, klingende Räumchen“. Hier ist die gesamte Märchensammlung inzwischen sortiert, der Raum lädt ein zum Film schauen, zum Träumen in die Anderswelt, vielleicht zu einem verabredeten Treffen mit einer Fee. Die wird Conny gut brauchen können, wenn sie wirklich in den nächsten 13 Tagen alles schaffen will. Immerhin, der Schaden im Dach wurde entdeckt, behoben, Dach ist wieder dicht das Zimmer darunter sozusagen fertig.

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Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 31. Mai

Euphelia ist ganz hippelig. Was hier noch in Einsamkeit und voller Romantik wie ein verlorener Ort aussieht, erwacht schon morgen aus dem Dornröschenschlaf.

Bisher ist nur ein einziges Zimmer belegt. Doch da ist wirklich ein reges Kommen und Gehen.

Ab morgen, pünktlich zum Kindertag, rückt die Gutshotelfamilie komplett an zur Wiederbelebung. Bühne frei für das große Spektakel von Staubsauger, Wedel, Feudel und Co. Euphelia möchte am liebsten überall dabei sein. Sie freut sich auf das Schnattern, Quatschen und Lachen dieser zehnköpfigen Raupe. Gleichzeitig weiß sie, daß auch diese Raupe sehr lange im kleinen Dornröschenschlaf verharrte. Da werden in den nächsten Tagen Muskelkater, Fluchen und Stöhnen mit an der Tagesordnung sein. Weil es ab morgen so sehr spannend wird für Euphelia, steigt sie heute noch einmal hinunter in Connys WortReich. Nicht nur das „Wunderland“ ist hier schon fertig, sondern auch die „Schatzinsel“ freut sich auf Gäste.

Da entdeckt sie sogar einen von Connys Lieblingsplätzen. Sitzt sich gemütlich, denkt Euphelia, und nun kommt es wirklich bis zum Schlüsseltag darauf an, den roten Faden nicht zu verlieren.

Euphelia schaut sich weiter um. Ohja, hier beginnt also der gelbe Steinweg. Und mit dem entsprechenden Fernblick reicht er bereits bis Eulenhausen.

Doch zunächst heißt es, Haus und Hof in Form zu bringen. Das Dach hat erst einmal ein Loch.

Morgen geht die Analyse weiter und dann ist hoffentlich schnell alles wieder dicht. Die Fenster sind es bereits.

Die Maler stehen ab Mittwoch bereit. Euphelia lehnt sich entspannt zurück. Läuft, würde sie mal so sagen. Ein schöner Abend erwartet sie. Genüßlich steckt sie ihr Füßlein in das silberne Stiefelchen und gönnt sich einen erholsamen Blick durch den naturbelassenen Park.

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Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 28. Mai

Euphelia kann regelrecht spüren, wie die Angst in Conny steigt, daß der Wasserschaden im Atelierzimmer mehr als nur ein kleiner Fleck sein kann. Was, wenn…?? Nicht auszudenken, wenn nach sieben Monaten Stillstand nun das Dach zu öffnen ist, statt des Hotels. Auch heute nach dem ersten Einsatz der Dachdecker ist noch keine Antwort gegeben. Es wurden zwei neue Fenster in Zimmer 223 eingebaut, denn die alten ließen sich nicht mehr öffnen. Scheinbar hatte die Westseite Probleme mit der langen Schließzeit. Am Montag erst erfährt Conny mehr über den Wasserfleck. Dann wird auf der Nordseite das Dach von außen geöffnet. Genauso, weiß Euphelia, genauso hat Conny sich die letzten zwei Wochen vor Eröffnung vorgestellt. Genau so nicht.

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Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 26. Mai

Euphelia hat es geahnt. Immer, wenn Conny sehr maritim wird, sieht es nach einem Plan aus. So, nun ist sie also schon ein Kahn. Sieben Monate waren wirklich lang, denkt Euphelia. Conny ist also ein Kahn. Zum Glück gießt es wie aus Eimern schon fast den ganzen Tag. Bestimmt wegen dieser Handbreit Wasser unter’m Kiel.

Für den Vollmond heute hat sich Conny jedenfalls etwas ganz Besonderes ausgedacht. Draußen wirklich viel zu naß, will sie dem Mond dennoch nahe sein beim Lesen. Das Atelierzimmer 223 soll ihr Ort heute sein. Mit einem Tee und ihren Büchern auf dem Tablett steigt sie empor. Zumindest diese paar Treppen, dem Mond entgegen, sozusagen. Der war heute um 13.48 Uhr komplett voll. Conny noch nicht. Wegen des Plans des Tees.

Ein wenig Bewegung tut Conny gut und auch das alte Gutshaus verspürt dies bereits in den letzten Tagen. Torsten geht von Zimmer zu Zimmer und bereitet vor. Euphelia kichert, denn sie erinnert sich an den Schuldirektor aus der „Feuerzangenbowle“. Die Mitarbeiter schauen immer wieder mal rein und nehmen langsam Fahrt auf. Am 14. Juni geht es los. Sie alle gemeinsam haben diese Entscheidung, trotz der neuesten Wendung in der Politik, heute so bekräftigt. Nun werden sie von oben nach unten putzen. Erst alle Zimmer und alle Flure im alten Gutshaus und nebenan im Bücherhaus. Euphelia ahnt, wieviel Arbeit noch darin versteckt ist. Doch früher konnten sie gar nicht beginnen. Das Landleben hätte sie doppelt putzen lassen. Spinnen, Fliegen und Blütenstaub lassen sich einfach nicht dressieren. Man kann nicht planvoll mit ihnen umgehen.

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Euphelia hofft sehr, daß Conny sie an den Aktionen der nächsten Tage teilhaben läßt. Wie startet man eine solche Maschine nach sieben Monaten Stillstand? Wie macht man den Kahn wieder flott? Oh, Conny ist ja laut Brecht der Kahn. Naja, denkt Euphelia, man darf also wirklich gespannt sein. Da ist ja dann einiges zu tun.

Kommen wir zurück zum Mond. Euphelia, Conny mit Büchern und Tee kommen oben an. Zunächst hören sie nur das romantische Rauschen des Regens auf den Dachfenstern. Doch Conny hat einen messerscharfen Rundumblick. Keine Lust mehr auf Mond, auf Tee, auf … Dies ist ein nasser Fleck in der Wand. Dies ist nicht Wasser für eine Handbreit unter dem Kiel, sondern harte Gischt gegen das Gleichgewicht. Nun kommt Torsten, prüft, nimmt zur Kenntnis und bereitet also da mal was vor. Nächste Woche kommen die Handwerker. Paßt doch alles, sagt er, ist ja noch vor dem Schlüsseltag. Euphelia bewundert ihn für seine Ruhe. Wo nimmt dieser Mann die Kraft her?

Und Conny? Steht da mit hängenden Schultern, Tränchen in den Augen, Euphelia und Bücher und Tee auf dem Tablett und ohne Lust auf den Mond. Steht einfach da mit diesem doofen Tablett, mit dem Blick auf den Fleck und rührt sich nicht. Euphelia hofft nur inständig, daß Conny nichts gegen diese Wand schmeißen möchte, denn das wäre ja dann wohl das Tablett. Doch da dreht Conny sich um, blafft den Spitzweg an, der ja eigentlich auch nichts dafür kann, und steigt die Treppen wieder hinunter. Sie gibt Torsten, der sie fragend anschaut, die Teetasse und stellt klar. “ Okay, gehe ich eben in den Keller.“ Torsten antwortet nur, daß der Mond schon längst voll war. Sie lächelt ihn zärtlich an: “ Ich noch nicht.“ und verschwindet mit ihren Büchern und Euphelia.

Nun endlich hat sie ihre Ruhe für ihre ganz eigene Vollmondlesung gefunden. Was liest sie gerade? Von Maxi wurde ihr Juli Zeh „Über Menschen“ empfohlen mit den Worten: Weißt du noch, was das ist? Lies mal! Conny ist sehr gespannt, Näheres über diese Wesen zu erfahren. Sieben Monate Groß Breesen können echt verwildern. Ja, und dann ist da noch dieses schmale Büchlein, welches ihr vor kurzem von einer Gästin geschickt wurde. Der Autor ist einer der bedeutenden Gastronomen Deutschlands. Irmin Burdekat “ Tisch 17 is’n Arsch“. Diese Gästin meinte am Telefon: „Solltest Du vergessen haben, Conny, was Deinen Alltag so ausmacht, kannst Du Dich hiermit vielleicht ganz gut vorbereiten.“ Zum Glück las Conny im Einband, daß es für Gäste und Gastwirte gleichermaßen ein fröhliches Buch ist. Nach den ersten 20 Seiten und einem Lachanfall nach dem anderen freut sie sich nun auf eine sehr, sehr lange Vollmondlesenacht. Euphelia schaut sich derweil im ersten Raum näher um, der bereits komplett fertig ist. Hier im „Wunderland“ sind alle Bücher wieder fertig alphabetisch sortiert, es wurde umgestellt und geräumt und eine tolle Treppe kam hinzu. Sollten die Betten nicht fertig sein, egal! Für dieses Wunderland im Keller des Bücherhauses lohnt sich der Besuch schon. Euphelia muß gleich nachlesen bei Moers, denn dies hier ist wohl die Vorlage für die Bibliothek des Orms im Buch „Die Stadt der träumenden Bücher“. Wäre zum Schluß nur noch die Frage nach Connys Glas. Nun, diese ist ganz eindeutig zu beantworten: Connys Glas bleibt heute Nacht und in den nächsten Wochen immer halb voll, nie halb leer! Zum Wohl! Auf den Vollmond im Keller und auf die Annäherung an den Schlüsseltag.

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Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 22. Mai

Euphelia weiß noch nicht so recht, mit welchen Worten sie Conny ein wenig Sicherheit geben kann. Manchmal spürt sie richtig, wie gern Conny von anderen hören würde, was zu tun und zu lassen ist. Verantwortung kann eben auch richtig schwer auf den Schultern lasten. Zu früh öffnen ist gefährlich, zu spät öffnen ist teuer. Überhaupt öffnen hat so viele Bedingungen. Wie macht Conny alles richtig? Wie werden Mitarbeiter und Gäste gleichsam glücklich? Miteinander glücklich – das ist die wichtigste Voraussetzung, anders hat dieses Hotel gar keinen Sinn. Wer gibt ihr den richtigen Plan, zeigt ihr den Weg? Die Zeit seit November ist wirklich sooo lang. So viele Ideen und Hoffnungen mußten immer wieder geändert werden.

Plötzlich erinnert sich Euphelia an ein Gedicht.

Herr K. und die Flut

Herr K. ging durch ein Tal,

als er plötzlich bemerkte,

daß seine Füße in Wasser gingen.

Da erkannte er, daß sein Tal

in Wirklichkeit ein Meeresarm war

und daß die Zeit der Flut herannahte.

Er blieb sofort stehen,

um sich nach einem Kahn umzusehen,

und  solange er auf einen Kahn hoffte,

blieb er stehen.

Als aber kein Kahn in Sicht kam,

gab er diese Hoffnung auf

und hoffte, daß das Wasser

nicht mehr steigen möchte.

Erst als ihm das Wasser

bis ans Kinn ging,

gab er auch diese Hoffnung auf

und schwamm.

Er hatte erkannt,

daß er selber ein Kahn war.

Bertolt Brecht