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Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 28. Mai

Euphelia kann regelrecht spüren, wie die Angst in Conny steigt, daß der Wasserschaden im Atelierzimmer mehr als nur ein kleiner Fleck sein kann. Was, wenn…?? Nicht auszudenken, wenn nach sieben Monaten Stillstand nun das Dach zu öffnen ist, statt des Hotels. Auch heute nach dem ersten Einsatz der Dachdecker ist noch keine Antwort gegeben. Es wurden zwei neue Fenster in Zimmer 223 eingebaut, denn die alten ließen sich nicht mehr öffnen. Scheinbar hatte die Westseite Probleme mit der langen Schließzeit. Am Montag erst erfährt Conny mehr über den Wasserfleck. Dann wird auf der Nordseite das Dach von außen geöffnet. Genauso, weiß Euphelia, genauso hat Conny sich die letzten zwei Wochen vor Eröffnung vorgestellt. Genau so nicht.

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Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 26. Mai

Euphelia hat es geahnt. Immer, wenn Conny sehr maritim wird, sieht es nach einem Plan aus. So, nun ist sie also schon ein Kahn. Sieben Monate waren wirklich lang, denkt Euphelia. Conny ist also ein Kahn. Zum Glück gießt es wie aus Eimern schon fast den ganzen Tag. Bestimmt wegen dieser Handbreit Wasser unter’m Kiel.

Für den Vollmond heute hat sich Conny jedenfalls etwas ganz Besonderes ausgedacht. Draußen wirklich viel zu naß, will sie dem Mond dennoch nahe sein beim Lesen. Das Atelierzimmer 223 soll ihr Ort heute sein. Mit einem Tee und ihren Büchern auf dem Tablett steigt sie empor. Zumindest diese paar Treppen, dem Mond entgegen, sozusagen. Der war heute um 13.48 Uhr komplett voll. Conny noch nicht. Wegen des Plans des Tees.

Ein wenig Bewegung tut Conny gut und auch das alte Gutshaus verspürt dies bereits in den letzten Tagen. Torsten geht von Zimmer zu Zimmer und bereitet vor. Euphelia kichert, denn sie erinnert sich an den Schuldirektor aus der „Feuerzangenbowle“. Die Mitarbeiter schauen immer wieder mal rein und nehmen langsam Fahrt auf. Am 14. Juni geht es los. Sie alle gemeinsam haben diese Entscheidung, trotz der neuesten Wendung in der Politik, heute so bekräftigt. Nun werden sie von oben nach unten putzen. Erst alle Zimmer und alle Flure im alten Gutshaus und nebenan im Bücherhaus. Euphelia ahnt, wieviel Arbeit noch darin versteckt ist. Doch früher konnten sie gar nicht beginnen. Das Landleben hätte sie doppelt putzen lassen. Spinnen, Fliegen und Blütenstaub lassen sich einfach nicht dressieren. Man kann nicht planvoll mit ihnen umgehen.

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Euphelia hofft sehr, daß Conny sie an den Aktionen der nächsten Tage teilhaben läßt. Wie startet man eine solche Maschine nach sieben Monaten Stillstand? Wie macht man den Kahn wieder flott? Oh, Conny ist ja laut Brecht der Kahn. Naja, denkt Euphelia, man darf also wirklich gespannt sein. Da ist ja dann einiges zu tun.

Kommen wir zurück zum Mond. Euphelia, Conny mit Büchern und Tee kommen oben an. Zunächst hören sie nur das romantische Rauschen des Regens auf den Dachfenstern. Doch Conny hat einen messerscharfen Rundumblick. Keine Lust mehr auf Mond, auf Tee, auf … Dies ist ein nasser Fleck in der Wand. Dies ist nicht Wasser für eine Handbreit unter dem Kiel, sondern harte Gischt gegen das Gleichgewicht. Nun kommt Torsten, prüft, nimmt zur Kenntnis und bereitet also da mal was vor. Nächste Woche kommen die Handwerker. Paßt doch alles, sagt er, ist ja noch vor dem Schlüsseltag. Euphelia bewundert ihn für seine Ruhe. Wo nimmt dieser Mann die Kraft her?

Und Conny? Steht da mit hängenden Schultern, Tränchen in den Augen, Euphelia und Bücher und Tee auf dem Tablett und ohne Lust auf den Mond. Steht einfach da mit diesem doofen Tablett, mit dem Blick auf den Fleck und rührt sich nicht. Euphelia hofft nur inständig, daß Conny nichts gegen diese Wand schmeißen möchte, denn das wäre ja dann wohl das Tablett. Doch da dreht Conny sich um, blafft den Spitzweg an, der ja eigentlich auch nichts dafür kann, und steigt die Treppen wieder hinunter. Sie gibt Torsten, der sie fragend anschaut, die Teetasse und stellt klar. “ Okay, gehe ich eben in den Keller.“ Torsten antwortet nur, daß der Mond schon längst voll war. Sie lächelt ihn zärtlich an: “ Ich noch nicht.“ und verschwindet mit ihren Büchern und Euphelia.

Nun endlich hat sie ihre Ruhe für ihre ganz eigene Vollmondlesung gefunden. Was liest sie gerade? Von Maxi wurde ihr Juli Zeh „Über Menschen“ empfohlen mit den Worten: Weißt du noch, was das ist? Lies mal! Conny ist sehr gespannt, Näheres über diese Wesen zu erfahren. Sieben Monate Groß Breesen können echt verwildern. Ja, und dann ist da noch dieses schmale Büchlein, welches ihr vor kurzem von einer Gästin geschickt wurde. Der Autor ist einer der bedeutenden Gastronomen Deutschlands. Irmin Burdekat “ Tisch 17 is’n Arsch“. Diese Gästin meinte am Telefon: „Solltest Du vergessen haben, Conny, was Deinen Alltag so ausmacht, kannst Du Dich hiermit vielleicht ganz gut vorbereiten.“ Zum Glück las Conny im Einband, daß es für Gäste und Gastwirte gleichermaßen ein fröhliches Buch ist. Nach den ersten 20 Seiten und einem Lachanfall nach dem anderen freut sie sich nun auf eine sehr, sehr lange Vollmondlesenacht. Euphelia schaut sich derweil im ersten Raum näher um, der bereits komplett fertig ist. Hier im „Wunderland“ sind alle Bücher wieder fertig alphabetisch sortiert, es wurde umgestellt und geräumt und eine tolle Treppe kam hinzu. Sollten die Betten nicht fertig sein, egal! Für dieses Wunderland im Keller des Bücherhauses lohnt sich der Besuch schon. Euphelia muß gleich nachlesen bei Moers, denn dies hier ist wohl die Vorlage für die Bibliothek des Orms im Buch „Die Stadt der träumenden Bücher“. Wäre zum Schluß nur noch die Frage nach Connys Glas. Nun, diese ist ganz eindeutig zu beantworten: Connys Glas bleibt heute Nacht und in den nächsten Wochen immer halb voll, nie halb leer! Zum Wohl! Auf den Vollmond im Keller und auf die Annäherung an den Schlüsseltag.

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Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 22. Mai

Euphelia weiß noch nicht so recht, mit welchen Worten sie Conny ein wenig Sicherheit geben kann. Manchmal spürt sie richtig, wie gern Conny von anderen hören würde, was zu tun und zu lassen ist. Verantwortung kann eben auch richtig schwer auf den Schultern lasten. Zu früh öffnen ist gefährlich, zu spät öffnen ist teuer. Überhaupt öffnen hat so viele Bedingungen. Wie macht Conny alles richtig? Wie werden Mitarbeiter und Gäste gleichsam glücklich? Miteinander glücklich – das ist die wichtigste Voraussetzung, anders hat dieses Hotel gar keinen Sinn. Wer gibt ihr den richtigen Plan, zeigt ihr den Weg? Die Zeit seit November ist wirklich sooo lang. So viele Ideen und Hoffnungen mußten immer wieder geändert werden.

Plötzlich erinnert sich Euphelia an ein Gedicht.

Herr K. und die Flut

Herr K. ging durch ein Tal,

als er plötzlich bemerkte,

daß seine Füße in Wasser gingen.

Da erkannte er, daß sein Tal

in Wirklichkeit ein Meeresarm war

und daß die Zeit der Flut herannahte.

Er blieb sofort stehen,

um sich nach einem Kahn umzusehen,

und  solange er auf einen Kahn hoffte,

blieb er stehen.

Als aber kein Kahn in Sicht kam,

gab er diese Hoffnung auf

und hoffte, daß das Wasser

nicht mehr steigen möchte.

Erst als ihm das Wasser

bis ans Kinn ging,

gab er auch diese Hoffnung auf

und schwamm.

Er hatte erkannt,

daß er selber ein Kahn war.

Bertolt Brecht       

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Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 18. Mai mittags

Euphelia lauscht den Worten am Radio. Gestern war alles noch ganz anders, vor einer Stunde auch. Wollen wir wetten? In einer Stunde wird alles ein bißchen anders sein. Dieses Hin und Her kann sie nicht mehr ertragen. Aus. Radio aus. Ruhe. Ist auch nicht besser – dann drehen die Gedanken am Rad. Auch nicht besser. Wie war das eigentlich im letzten Jahr? Euphelia blättert einfach mal zurück. Da ist er – der

Eintrag in das Buddelbuch vom 8. Juni 2020.

Lesen, Kopf schütteln, lachen, weinen, doll weinen, Kopf schütteln, Schultern zucken. Oooohje – letztes Jahr mit diesem zu vergleichen ist soooo schwer. Im letzten Jahr nahmen sie hier den Betrieb wieder auf nach drei Monaten. Nun sind es mehr als sieben Monate Einsamkeit für dieses wundervolle alte Gutshaus, wenn sie den Schlüssel erstmals wieder in die andere Richtung drehen werden. Wann wird das sein? Gestern hatten sie hier einen festen Beschluß gefaßt. Heute merkte Euphelia schon beim gemeinsamen Tee am Radio – Schultern zucken, Kopf schütteln, hinhören, Unsicherheit in den Augen. Was machen sie jetzt richtig? Euphelia weiß nur eines ganz genau: Diese Entscheidung möchte sie gerade nicht treffen. Schnell  steckt sie ihr Füßlein in den Silberstiefel und mimt den Schlafmodus. Es ist erst mittags. Wie lange hält sie das durch?

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Beitrag in das Buddelbuch – Euphelia am 11. Mai

Euphelia hat sich an blühende Landschaften im Büro schon fast gewöhnt. Doch seit heute kein Umweg mehr zum Schreibtisch, kein Ausweichen für Conny für die wichtigen Entscheidungen der nächsten Stunden und Tage. Der Apfelbaum wurde in Eulenhausen verwurzelt. Nun gibt es dort einen herrlichen Dreiklang: Sitzstein, Telefonzelle und Naschbaum. Die großen geharkten Haufen auf der gemähten großen Wiese sind verschwunden. Gekommen sind die neuen Matratzen. Immer dichter kommen wir unserem Schlüsseltag. Daß es dann noch Betten gibt, scheint sicher! Tut gut, wenn etwas sicher scheint.