Kategorien
Literaturien

Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 18. Januar

Euphelia schmunzelt. Diese kalte, klare Nacht mit dem Vollmond um 0.48 Uhr wollte Conny so ganz verrückt für einen Nachtspaziergang nutzen. Der sogenannte Wolfsmond war in dieser Nacht etwa 401.000 km entfernt, viel weiter geht nicht. Ganz bis zu ihm hätte sie es nicht geschafft, doch ein Kilometer sollte wohl drin sein. Sie hatte sich alles zurecht gelegt und bis nach Mitternacht gelesen, um ja nicht die Zeit zu verpassen. Dann lugte der Mond sehr auffordernd sogar in ihr Fenster hell, dick und rund und klar – und kalt. Sie kuschelte sich in ihre warme Decke, zog diese bis zur Nasenspitze, entschuldigte sich beim Mond und schlief tief und fest bis zum Sonnenaufgang.

Windgeschützt und in voller Sonne könnte sie am liebsten schon Blumen pflanzen, auf der anderen Seite des Hauses steht jedoch noch der Schlitten, blitzt noch ein Rest Eis auf der Pfütze. Doch die Farben zwischen Sonne und Wolken, im Osten am Morgen, im Westen zum Sonnenuntergang sind Naturschauspiele in zauberhaftem Pastell. Da ziehen Bilder am Himmel entlang, die Märchen erzählen, welche die Seele auftanken lassen. Sicher ist der Winter noch lange nicht vorbei. Aber wenn es auf den Februar zugeht, ahnt man bereits die ersten Schneeglöckchen. Sie läuten Lichtmess ein. Dies war früher die Zeit, wo Knechte und Mägde ihren Dienstvertrag lösten und sich um eine neue Stelle bemühten. Altes hinter sich lassen. Conny träumt noch immer davon, am Morgen aufzuwachen und das Draußen ist wie damals, der komische Film der letzten beiden Jahre beendet. Doch wenn Torsten sie kneift, dann ist schnell klar, dies ist weder Film noch Traum. Trotzdem kämpft sie darum, tagtäglich ihre Talente und Begabungen zu entdecken, auszuprobieren, sich neuen Dingen zu öffnen, sich großen Aufgaben zu stellen, um helfend und nützlich zu sein.

Wenn es in Zeiten wie diesen (oh, was für ein Spruch, wenn er schon so lange zutrifft) hier im Bücherhotel so viel ruhiger zugeht, dann denkt sie oft: Oh, das könnte ich ja auch noch erledigen. Oh, das kann man ja jetzt nebenbei noch schaffen. Oh, das wollte ich schon immer mal ausprobieren. Und dann: Plötzlich hat auch ein solcher -ruhiger- Tag nur 24 Stunden. Wie dumm! Was hat sie doch früher an einem Tag alles geschafft. Kennt jemand diesen Satz, diese Denke?

Nun ist also heute auch schon wieder Abend. Natürlich verließ sie nicht gleich bei Sonnenaufgang das gemütliche Nest, sondern haderte erst einmal mit sich selbst, wegen der Unzuverlässigkeit eines nicht eingehaltenen Vorhabens, von dem übrigens außer dem Mond niemand etwas wußte. Es wollte gekuschelt und sich noch einmal umgedreht werden, und dann mußte sie sich selbst davon überzeugen, daß es sinnvoll ist, nicht gleich mit dem Buch in der Hand den Tag im Bett zu beginnen, sondern, naja, irgendwie anders. Diese Überzeugungsarbeit hielt an bis zum ersten Kaffee. Dann war es geschafft und der Rechner im Büro flimmerte voller Tatendrang. Nach den nächsten drei Absagen und vier neuen Buchungen war das Maß an emotionaler Stärke zunächst verbraucht. Immerhin ein Schritt vorwärts.

Also besuchte Conny ihre beiden verläßlichen triebhaften Freunde. Edoard schrie nach Fütterung, Edelgard zeigte sich stark und zufrieden, sozusagen einsatzbereit. So wurde die umtriebige Edelgard Grundlage für ein Experiment, ein Rote-Beete-Brot. Dieses liegt jetzt als wahrhaft roter wachsender Ballen im Gärkorb und erwartet weitere Aktivitäten am nächsten Morgen.

Gegen Mittag sortierte Conny zwei Kisten neu eingegangener Bücher, ein Fundus, über den später zu berichten sein wird. Gleichzeitig entschied sie einige wenige Geschichten, die am Nachmittag vorzulesen waren, denn Vollmond sollte heute traditionell wieder eingeläutet werden. Anders als im letzten Jahr brauchte Conny heute keine Plüschtiere als Publikum, sondern hatte sechs Gäste, die mit ihr lasen, hörten, blauen Tee tranken, Eis im naturnahen Grün aßen, strickten, stickten, plauderten, lachten.

Kerzen brannten, die Füße steckten in Socken oder Decken, der Blick ging ganz bewußt nach vorn. Es wurde geträumt, phantasiert, Visionen standen als riesige Gemälde mitten im Salon. Ohje, wer Conny kennt, der bekommt es gerade mit der Angst. Natürlich waren sie am Nachmittag auf einem langen Spaziergang durch Eulenhausen richtig angefixt worden. Die Obstbäume stehen auf einer Wiese, als sei diese aus Kunstrasen, so satt grün. Die Maulwürfe vorne am Kleinen Jakobsweg scheinen von einer ganz besonderen Sorte zu sein, sie passen scheinbar gar nicht mehr in ihre Unterwelt, bauen sich schon Wohnungen in halber Etage. Wie mag es da unten wohl aussehen, was geht da vor? Dies ist ein Stoff für Geschichten ohne Ende, sozusagen für eine neue unendliche Geschichte, vielleicht eine Stadt der träumenden Maulwürfe – mit Bibliothek? Stellt sich doch die Frage: Wie können Maulwürfe lesen? Lupe? Blindenschrift? Buchstabentöne?

Was Eupelia damit sagen will: Der Tag verging rasant.  

Aber dann ist an einem solchen Tag ja immer noch ein langer Abend dran. Da kann man noch sooo viel machen. Das stimmt – wohl.

Abendessen, abwaschen, Edoard in seiner Männlichkeit unterstützen und auch mit ihm ein Brot ansetzen (schwer, dunkel, ganz in Roggen), mit Euphelia schwatzen, in Brotbüchern nach neuen Erkenntnissen suchen, in sozialen Medien Anfragen und Interessen beantworten, in angeforderten Listen neues Saatgut aus alten Sorten für den Literaturpark Eulenhausen bestellen, in Katalogen bezauberndes Sortiment für die BuchBar entdecken und anfragen, die Dusche auf morgen verschieben, wenigstens noch eine Reihe gestrickt haben und mit dem Buch in der Hand in einen tiefen Schlaf fallen, nachdem sich mit einem letzten verschwörerischen Zwinkern vom Mond verabschiedet wurde.

Kategorien
Literaturien

Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 6. Januar

Euphelia wünscht all ihren Lesern, Freunden und Bookoholikern ein außergewöhnliches, buntes, charismatisches, dankbares, erlebnisreiches, fröhliches, gesundes, hilfreiches, inspiratives, jubelndes, kluges, literarisches, meisterhaftes, naschiges, obergeiles, prächtiges, qualitätsvolles, reiches, stimmungsvolles, tröstendes, ulkiges, verrücktes, wohliges, zielsicheres Jahr 2022. Nun geht es wohl so richtig wieder los, hofft sie, nachdem sie endlich in ihrem Nikolausstiefel gefunden wurde, als Conny die Weihnachtsdekoration abräumte.

Euphelia war ein wenig verwundert, daß niemand im Haus in den letzten Wochen sie vermißt hat. Conny hatte sich wahrhaft entschieden, der Welt draußen für die Zeit der Festtage den Rücken zu kehren.

Kein Telefon, keine Nachrichten, kein Rechner. Diese Feiertage widmete sie ganz und gar ihrer Familie. Da konnte Euphelia noch so sehr im Stiefel wackeln, Conny hatte nur Herz und Augen für ihren Liebsten, ihre Eltern und Kinder. Premiere, so dachte Euphelia einige Male, denn seit der Eröffnung 1998 gab es kein Weihnachten und keinen Jahreswechsel mit der ganzen Familie und komplett ohne Gäste. Doch sie schaute ihnen gern zu, denn es wurden harmonische, verspielte und kulinarisch köstliche Tage. Ja, und nun geht es wohl so richtig wieder los, hofft Euphelia. Allerdings wirkt Conny noch recht zaghaft. Erstes Hören der Nachrichten zeigte ihr, draußen ist noch da. Welchen Weg werden sie gehen? Die Gutshotelfamilie steht in den Startlöchern. Doch wie werden sie die Ziele für dieses Jahr formulieren? Es wird das Groß Breesener Jahr der Inspiration. Sie haben viele Pläne, tolle Ideen. Welcher Weg wird sich ihnen unter die Füße schieben?

Kategorien
Literaturien

Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 5. Dezember

Euphelia beobachtete stundenlang das Verabschieden der Adventsgäste. Wenn denn wirklich alle so wiederkommen, wie sie heute gleich reserviert haben, dann, ja dann wird einfach alles gut. Es lag schöne vorweihnachtliche Stimmung über dem Dorf. Sonntägliche Ruhe und weiße Flächen lockten allen ein magisches Lächeln auf das Gesicht, eine Weichheit, die ihnen hoffentlich im Alltag draußen noch ein wenig bleibt. Die, die blieben, ließen sich fallen in einen Advent der Gemütlichkeit. Euphelias Tannenduft vereinigte sich mit dem ersten Tannenbaum in echt.

Ein sehr verrückter Adventskalender ist der Gutshotelfamilie von Melanie und Simone zugeschickt worden. Und so versammelte sich die Familie im Salon, um Türchen zu öffnen. Conny hatte ihrem Tick nachgegeben: es stehen überall im Büro, im Wohnzimmer, im Salon Adventskalender, aktuelle und ältere und alte. Das Öffnen der Türen wird zum Ritual und jede einzelne wird gefeiert.

Hinter einem schön gestalteten Türchen – und das in einem Kalender aus 2017- wurde dieses Gedicht gefunden. Es paßt so wundervoll zu diesen Schneetagen. Also soll es Euch allen den liebevollen Gruß zum zweiten Advent senden.

wie gerufen

heute kam das Licht plötzlich ins haus geschneit und ich hatte nicht mal das bisschen zeit

mir durchs Haar zu fahren den hemdknopf zu schließen contenance zu bewahren den Schock zu genießen

Licht hat sich breit gemacht stand auf den stufen als hätte es post gebracht und käm wie gerufen

Hermann Wallmann

Kategorien
Literaturien

Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 4. Dezember

Euphelia hat diesen Tag genossen. Entspannte Menschen saßen überall genüßlich zurückgelehnt in den Sofas, tranken Tee oder heiße Schokolade, redeten miteinander, lasen, schauten einfach so aus dem Fenster, blätterten interessiert in den Fotobüchern, stöberten ausführlich in der BuchBar und waren glücklich über ausgefallene Weihnachtsgeschenke. Sowohl am Vormittag, als auch nachmittags zogen kleine Grüppchen mit den beiden Hausherren durch das WortReich bis hin nach Eulenhausen. Es hat soviel Spaß gemacht zu beobachten, wie der Funken der Begeisterung für diesen Ort überspringt. Das Gewölbe ist eine heimelige, warme Weihnachtsstube. Hier ist Verwöhnen wirklich Herzenssache.

Und doch spürt Euphelia einen Hauch von Melancholie über allem. Conny war am Abend lange draußen allein unterwegs. In Eulenhausen, wo es wahrhaft so dunkel ist, daß man seine Füße nicht sehen kann. In Klein Las Vegas, wo es wahrhaft so hell ist, daß man auf der Straße lesen kann. Im Gutspark, wo sich bei dem zauberhaften Blick auf das alte Gutshaus über das Gefühl von Traurigkeit ein großes Gefühl von Stolz ausbreitete.

Ja, Entscheidungen müssen getroffen werden. Doch dieser Ort und seine Macher sind voller Liebe und Kreativität. Sie werden wieder einmal gemeinsam durch die Klippen segeln. Denn immer, immer gibt es eine kleine Tür, die sich zur rechten Zeit zeigt.

Kategorien
Literaturien

Eintrag in das Buddelbuch – Euphelia am 3. Dezember

Euphelia spürte so ein wenig Aufregung um sich herum. Wenn das Wochenende naht, wuseln alle. Als wenn sich Räder in Gang setzen, denkt sie. Alle gut verzahnt. Jeder an seinem Platz mit seiner Verantwortung weiß genau, was zu tun ist. Ihr macht es Spaß, von ihrem Stammplatz aus Zwischen den Zeilen zu beobachten. Manchmal kann sie es förmlich sehen, wie die hochgezogenen Schultern der ankommenden Gäste sich nach warmherziger Begrüßung und einem ersten Rundumblick senken. Ausatmen, einatmen, angekommen, loslassen. Conny war erneut im Dekorationsfieber. Alle Leseplätze und Sitzecken sollten vorweihnachtliche Gemütlichkeit ausstrahlen. Wegen der Schneenässe draußen wechselte sie sogar ständig die Schuhe. Hohe Schuhe draußen und Hauspantoffeln drinnen. Natürlich mit Eule. Wie das Mütterchen des Hauses schlurfte sie zwischen Tischen und Sofas umher. Dort noch eine neue Decke, da eine Kerze, hier eine arrangierte Sammeltasse. Dann der schiefe Blick auf das Ensemble, nicken, lächeln, weiter. Doch immer wenn sie mit neuen Weihnachtsdingen von draußen aus dem Lager kam, ging sie an dieser magischen Pforte vorbei. Ganz von selbst kamen die Erinnerungen an das wunderbare Buch „Der geheime Garten“. Den Film hatten sie schon einmal bei einem FilmDinner erlebt. Sie wird ihn in Kürze unbedingt noch einmal schauen. Es ist diese Pforte, voller Zauber und Magie. Geh hindurch und schau, ob sich dein Leben verändert.

„Ich bin sicher, es muß sehr viel Zauberei in der Welt geben…, doch die Leute wissen einfach nicht, wie so ein Zauber wirkt oder wie man es anstellt, daß er in Kraft tritt. Vielleicht genügt es schon, wenn man anfangs sagt, daß sich wunderbare Dinge ereignen werden, so lange, bis man erreicht, daß sie wirklich passieren.“ Francis Hodgson Burnett