Advent mit Euphelia – 2. Tür

Advent mit Euphelia – 2. Tür

Eigentlich ist Euphelia, die Hausschreibfeder, verantwortlich für die Aufzeichnungen im BuddelBuch. Sie liebt ihren Job und ist besessen von Geschichten.  Doch in den letzten Tagen hat ein Sturm in der Buddel das Lettermeer aufgewirbelt. Viele Gedanken flogen wild durch die Flasche und wollten beste Plätze auf den leeren, aufgeblätterten Seiten des BuddelBuches einnehmen. Euphelia erinnert sich daran, daß dies kurz vor dem Ende eines Jahres immer so war. Plötzlich fällt jedem ein, was alles noch geschafft werden muß. Als ob es kein Leben nach dem 24. Dezember gäbe. Und als ob Kekse und Glühwein im Januar nicht auch noch schmecken würden.

Doch Euphelia ist nach ihrem langen Vitrinenschlaf viel zu aufgeregt, um fliegende Gedanken einzufangen. Gerade hat sie beim Abschied mit Faust diskutiert, ob es gut wäre, wenn man in einem Zustand der Glückseligkeit verweilen könnte.  Seit ihrem Verlassen der Vitrine kommt sie nicht einen Augenblick zur Ruhe. Den jungen Werther hat sie versucht zu trösten, dem kleinen Prinzen seine Fragen beantwortet, denn der hätte sonst sowieso keine Ruhe gegeben. Sie hat Aladins Lampe geputzt und die grauen Anzüge der grauen Männer in die Waschmaschine gesteckt, damit Momo ein wenig verschnaufen kann. 

Doch nun geht Euphelia wieder auf Entdeckungsreise. Sie hörte heute Menschen darüber reden, daß ihnen der Stoff ausgegangen ist. Was ist das für ein Zeug, über das man so offen und ungestraft reden darf? Jemand kam sogar mit einem ganzen Karton voller Stoff. Sofort sprangen die Süchtigen fast hinein. Mehrere brachten einzelne Exemplare sehr vorsichtig in einen Raum gleich neben ihrem neuen Stammplatz. Diese Tür wird verblendet von lauter Ansichtskarten. Darauf sieht Euphelia lesende Wesen in allen möglichen Positionen. Sind das alles welche, die von diesem Stoff abhängig sind, fragt sie sich bange. Und wer ist es, dem mit einem glückseligen Lächeln einzelne gebundene Werke in diesen Raum gebracht werden? Ein bookoholiker? Einmal wurde es richtig spannend. Jemand rief plötzlich ganz laut: „Das hier, Conny, das hier kannst Du nach Feierabend regelrecht vernaschen. Es ist so schön und leicht und doch hat es eine Linie und paßt zu Weihnachten.“

Also, kann man es essen. Naschen. Macht nicht dick. Aber neugierig.

Euphelia schleicht sich in diesen geheimnisvollen Raum und erstarrt, als sie den Blick hinter die Tür wirft. Was für eine Rumpelkammer. Der Weg bis zu dem Schreibtisch, der gerade noch so als einer zu erkennen ist, gleicht einer Hindernisbahn. In diesem Raum würde jeder Staubsauger seine Kündigung einreichen. Doch am meisten fesselt Euphelia der Blick auf die vielen verschiedenen kleinen und großen Stapel an Büchern. Ah, von diesem Stoff haben sie gesprochen. Gleich an der Ecke auf dem Schreibtisch liegt auf einem gewagten Stapel das empfohlene Buch vom Vormittag:

Gabriella Engelmann „Wintersonnenglanz“.

Da kann auch Euphelia nicht widerstehen. Sie stellt ihr silbernes Stiefelchen neben das Buch und schlägt die erste Seite auf. Naschen von Buchstaben ist soooo schön. Morgen ist ja auch noch eine Tür. Heute wird gelesen und nicht geschrieben.  

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